HANDBALL inside: "Ich muss die beste Version von mir selbst sein“

Der Kieler Rückraum-Shooter war eine der prägenden Figuren der EURO 2020. Mit 28 Treffern wurde Nikola Bilyk sogar der beste Torschütze der Vorrunde. Wir haben mit dem jungen Österreicher über die Zeit mit der Nationalmannschaft, über seine Ziele mit dem THW und über Pakete in die Ukraine gesprochen.

Österreich gehörte zu den Gastgebern für die EURO 2020. Sie sind der Kapitän und gleichzeitig ein Aushängeschild der Nationalmannschaft. Was war das für ein Gefühl, sich selbst auf nahezu jedem Plakat zum Turnier zu sehen?
Nicola Bilyk: Das kann ich gar nicht genau sagen (lacht). In den Teamhotels habe ich wenig Werbung für die EM gesehen und in der Innenstadt bin ich während des Turniers selten herumgelaufen. Plakate mit meinem Bild sind allerdings auch gar nicht so wichtig. Mich freut es in erster Linie, dass der Handball durch die EURO 2020 einen höheren Stellenwert bekommen und allgemein an Popularität gewonnen hat. Im Mannschaftssport sind wir das erfolgreichste Nationalteam Österreichs, weder die Fußballer, noch die Basketballer schaffen es, sich für so viele internationale Turniere zu qualifizieren, wie wir es seit Jahren tun.

Ihr Team ist mit einem großen Selbstbewusstsein aufgetreten …
Bilyk: Wovor sollten wir auch Angst haben? Du musst nicht unbedingt der Titelfavorit sein, doch wenn man Träume hat und sich Ziele steckt, dann startet man motivierter und zielstrebiger durch, als wenn man sagt: Mal schauen, was so passiert.


Österreich hat bei der EURO 2020 einen absoluten Traumstart hingelegt …
Bilyk: Wir haben die ersten Gruppenspiele gewonnen, wobei die Begegnung mit Nordmazedonien deswegen etwas Besonderes war, weil sich Österreich mit diesem Gegner immer schwergetan hat: Nach einem harten Kampf musste sich mein Team meistens mit einem Tor geschlagen geben. Bei der Heim-EM war diese Begegnung ein sogenanntes Entscheidungsspiel, das über unser Weiterkommen in die Hauptrunde entscheiden sollte. Wir haben die Aufgabe sehr souverän gelöst und während der 60 Minuten teilweise mit zehn Toren geführt.

In der Hauptrunde kamen dann die richtig großen Brocken …
Bilyk: Die Aufgabe, auch solche Mannschaften zu schlagen, haben wir leider nicht erfüllt. Doch wir waren gegen Spanien und Kroatien auf Augenhöhe und sind auf diese Leistungen auch im Nachhinein stolz. Ich weiß, dieses Mal hat es nicht geklappt, doch warum sollte es beim nächsten Turnier nicht funktionieren? Keine Mannschaft ist unbesiegbar. Das hat die Europameisterschaft wirklich eindrucksvoll bewiesen.

Mehrere Favoriten mussten sich bereits nach der Vorrunde von dem Wettbewerb verabschieden.
Bilyk: Ich denke, dass die EM auch widerspiegelt, was teilweise auch in den Ligen auf Vereinsebene passiert. Als wir mit dem THW in der VELUX EHF Champions League gegen Porto verloren haben, haben sich viele darüber aufgeregt, wie man gegen so eine No-Name-Mannschaft nicht gewinnen kann. Diese No-Names haben dann jetzt bei der EURO Frankreich rausgeschmissen (lacht). Der Auftritt von Portugal hat die Wahrnehmung unserer Champions League-Niederlage im Nachhinein für viele Zuschauer etwas relativiert. Unser Sport hat sich in den letzten Jahren allgemein extrem verändert. Früher dachte man beim THW: Das Team ist unschlagbar, denn da ist jeder Spieler zwei Meter groß und ist athletisch auf dem höchsten Niveau. Inzwischen haben alle Bundesligateams vier bis fünf solche Vorzeige- Spieler. Wie ein Match ausgeht, wird von der Tagesform und durch Kleinigkeiten entschieden. Das beobachte ich auch bei den Nationalmannschaften.

Sie waren mit 28 Treffern bester Torschütze der Vorrunde. Was bedeutet Ihnen das?
Bilyk: Auf einen persönlichen Titel lege ich bestimmt keinen großen Wert. Doch ich weiß, dass ich meine Leistung bringen und die beste Version von mir selbst sein muss, um meinem Team zu helfen. Während des Turniers wurde oft erzählt, dass Sie 2010 bei der EURO als Wischer- Junge dabei waren. Wie kamen Sie zu diesem Job? Bilyk: Mein Vater hatte in Wien Handball gespielt und ich war im Club der Wischer-Junge des Teams. Irgendwann fragte mich eine Mitarbeiterin des Vereins, ob ich diese Aufgabe auch bei der EURO übernehmen würde. Über die Antwort habe ich keine Sekunde nachgedacht. Ich sagte Ja und konnte so jedes EMSpiel in Wien live sehen.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Turnier damals?
Bilyk: Ich weiß noch, wie ehrfürchtig ich mich gefühlt habe, als ich plötzlich im Backstage-Bereich neben Ivano Balic und Domagoj Duvnjak stand, und kann mich bis heute ganz genau an die Stimmung des Finalspiels zwischen Kroatien und Frankreich erinnern. Ich saß als Wischer-Junge direkt neben dem Feld und habe das Endspiel hautnah beobachtet. Am Ende flogen Münzen auf die Platte, weil einige Zuschauer mit den Entscheidungen der Schiris unzufrieden waren.

Heute ist der kroatische Star Domagoj Duvnjak Ihr Teamkollege …
Bilyk: Es ist unglaublich, wie schnell die letzten zehn Jahre vergangen sind. Es macht mich stolz, dass ich heute mit den Idolen meiner Kindheit Handball spielen kann. Ihr Vater ist bestimmt unglaublich stolz auf Sie.

Wie viele Familienmitglieder schauten Ihnen bei der EURO 2020 auf der Tribüne zu?
Bilyk: Meine komplette Familie war da.

Schauen Sie auch immer auf ihren persönlichen Fanblock?
Bilyk: Ich muss eingestehen, dass ich das nicht mache. Ich versuche Blickkontakt eher zu vermeiden, wobei diese Angewohnheit von mir eine Vorgeschichte hat. Als Kind war mein Vater immer bei meinen Spielen dabei. Seit dieser Zeit hat sich eine Sache nicht verändert: Er ist mein größter Kritiker (lacht). Wenn ich seine Reaktionen gesehen habe, hat mich das oft verunsichert. Als Jugendlicher war es für mich immer schwieriger, Handball zu spielen, wenn mein Vater in der Halle war. Krampfhaft wollte ich alles richtig machen. Zu der Zeit habe ich mir angewöhnt, nicht das Publikum mit den Augen nach meiner Familie zu durchforsten. Ich fokussiere mich einzig und allein auf das Spiel.

Was war das Schönste an dem EURO 2020?
Bilyk: Die Begeisterung der Zuschauer war unglaublich. Und im Nachhinein vielleicht auch die Erkenntnis der Handballwelt, dass der Titel des Europameisters auch über Nationen wie Slowenien, Ungarn, Portugal und Österreich führt. Siege von Traditionsteams sind nicht mehr selbstverständlich. Das hat die EURO deutlich gezeigt und ich finde das schön.

Hatten Sie im Januar neben dem Handball auch für etwas anderes Zeit?
Bilyk: Man hat immer Zeit, wenn man sie sich nimmt. Allerdings sind wir alle unterschiedlich, was unsere Bedürfnisse während der Zeit der Regeneration betrifft. Einige sind in jeder freien Minute mit der Familie unterwegs, andere schließen sich dann im Hotelzimmer ein. Ich gehöre zu denen, die während eines Turniers keine großartige Zerstreuung für den Kopf brauchen. Ich bleibe lieber im Mannschaftsquartier und versuche die Konzentration und die Spannung aufrecht zu erhalten. Nicht einmal das Hotel will ich groß verlassen, außer es geht in Richtung Halle. Ich will mich fühlen wie bei einer Europameisterschaft, nicht wie bei einer Urlaubsreise.

Einige schwedische Nationalspieler sind mit einem Ausflug in eine Bar während des Turniers aufgefallen, es folgten recht heftige Reaktionen.
Bilyk: Man darf nicht vergessen: Wir sind alle Menschen. Ob der Ausflug schlau war, werden die Spieler selbst beurteilen können. Ältere Handballer erzählen oft mit Stolz ähnliche Anekdoten über sich – nur war damals niemand mit einem Handy in der Nähe, der das dokumentieren konnte.

Wie präsent war die Bundesliga in den letzten Wochen bei Ihnen?
Bilyk: Ganz wenig und das ist auch gut so. Zum Schluss der Hinrunde habe ich mich schon richtig auf die Nationalmannschaft gefreut. Zum Ende des Turniers hatte ich wiederum eine große Vorfreude auf Kiel, auf die Jungs und auf die Rückrunde der Bundesliga. Es ist so, als ob man in zwei verschiedene Welten abtaucht.

Kann man vom Handball mit Handball abschalten?
Bilyk: Das klingt zwar verrückt, aber das geht ganz gut (lacht). Es geht dabei neben den Menschen, die du täglich siehst, hauptsächlich um die Routine, die bei jedem Team anders ist.

Wer gewinnt die Deutsche Meisterschaft?
Bilyk: Ich hoffe, dass wir am Ende die Nase vorn haben. Der THW mischt zwar noch in allen Wettbewerben mit, doch die Kraft muss für die Meisterschaft reichen. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Lust, länger auf diesen Titel zu warten.

Der THW wird also Meister?
Bilyk: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Und wie lauten die Ziele für die weiteren Wettbewerbe?
Bilyk: In der VELUX EHF Champions League führen wir die Gruppe an, die wahrlich nicht einfach ist. Unsere Aufgaben haben wir bisher ordentlich erledigt, wir konnten in Veszprém und Skopje gewinnen, über das Spiel gegen Porto haben wir bereits gesprochen und was das Spiel gegen Zaporozhye betrifft: Unser Rückraum war komplett lädiert und den Punkt, den wir am Ende mitgenommen haben, haben wir uns hart erkämpft.

Der THW ist der Gruppe mit den längsten Anreisen zugelost worden.
Bilyk: Das stimmt. Wir fahren von Kiel nach Hamburg und fliegen von da nach Frankfurt, um mit einem anderen Flieger nach Minsk zu kommen, wo wir wieder in einen Bus in Richtung Brest steigen. Diese Entfernungen verlangen dem Körper schon einiges ab. Man kann sicherlich darüber reden, ob man die VELUX EHF Champions League gewinnen kann oder nicht. Der Sieg am Finaltag ist immer auch eine Formsache und die letzten Jahre haben jedem eindrucksvoll gezeigt, dass es für den Titel keine richtigen Favoriten gibt. Dennoch ist Köln ein großes Ziel unserer Mannschaft und auch von mir persönlich. Ich konnte bisher diese Atmosphäre noch nie live erleben.

Und wie sieht es mit dem deutschen Final Four in Hamburg aus?
Bilyk: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir den Gewinn des DHB-Pokals zum dritten Mal in Folge wiederholen könnten. Bisher habe ich in Hamburg noch nicht gelernt zu verlieren, ich hoffe, das bleibt auch so. Um nach Kiel wechseln zu können, haben Sie vor vier Jahren ein lukratives Angebot aus Barcelona ausgeschlagen.

Haben Sie das je bereut?
Bilyk: Diesen Schritt habe ich noch nie bereut und auch wenn wir weniger erfolgreich spielen würden, würde ich diese Entscheidung nie in Frage stellen. Du weißt im Leben nie ganz genau, was auf dich zukommt, und es kann genauso schnell nach oben wie nach unten gehen. Wenn ich eine Entscheidung treffe, möchte ich mir im Nachhinein nie Gedanken über irgendwelche Eventualitäten machen.

So gerne Sie auch in Kiel spielen, an der alten Team-Ausrüstung scheinen Sie nicht zu hängen. Sie sollen regelmäßig große Pakete in die Heimat Ihrer Eltern schicken.
Bilyk: Das stimmt. Kein Mensch braucht 15 Paar Laufschuhe, 40 alte Trikots oder 20 Trainingsjacken. Alles, was ich nicht anziehe, kommt in eine Tasche und mein Vater schickt die Sportsachen an junge Spieler in der Ukraine, die nicht so viel Glück haben, von den Vereinen perfekt ausgestattet zu sein. Und wer weiß, vielleicht ist es für einen jungen Handballer eine Motivation für die spätere Karriere, in einem Original-THW-Trikot Bälle werfen zu können. Wir alle haben mal so angefangen …


Dieser Artikel stammt aus der HANDBALL inside AUSGABE #31 1/2020.
Autor: Zita Newerla

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Quelle: HANDBALL Inside



  

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