Easy Going in Ashdod

Seit ein paar Wochen spielt Gábor Langhans, 29, in der israelischen Liga. Im Gespräch mit HANDBALL inside berichtet der Rückraum-Linkshander über das
überraschende Jobangebot und den Einfluss religiöser Festtage auf Alltag, Training und Spielbetrieb.



Die Wege des Herrn, heißt es, sind unergründlich. Die eines Handballprofis manchmal auch. Der Linkshänder Gábor Langhans, 29, aufgewachsen in Berlin, war bei den Füchsen Berlin ausgebildet worden und hatte 2007 in der Juniorennationalmannschaft gespielt. Zunächst in Eisenach, Rostock und Lübbecke in Lohn und Brot, stand er in den letzten zwei Jahren bei der MT Melsungen unter Vertrag. So weit, so normal. Doch plötzlich hat es ihn nach Ashdod verschlagen, einer 221.000 Einwohner-Stadt südlich von Tel Aviv. „Dass es Israel wird, hätte ich im Leben nicht gedacht“, sagt Langhans und lacht. Einem langfristigen Plan folgte das also nicht. „Ich wusste nichts von Israel oder den Verhältnissen hier“, bekennt er im Gespräch mit HANDBALL inside. „Aber ich war einfach offen für diese Erfahrung.“ Also stieg er, nachdem sein Berater Ates Oelke über einen spanischen Kollegen von der Offerte des Clubs Hapoel Ashdod erfahren hatte, einfach in den Flieger und schaute sich um. Was ihm die Vereinsführung präsentierte, gefiel ihm. „Warum eigentlich nicht?“, dachte er. Und weil auch das Gehalt stimmte, flog der Berater hinterher und sie machten die Modalitäten klar.



Die Dinge, die mit seinem neuen Arbeitgeber verbunden sind, genießt er. „Ich wohne hier direkt am Strand“, berichtet Langhans, er darf sich auf einen warmen Winter unter Palmen freuen. Er sagt, er sauge in tiefen Zügen die fremde Kultur auf, mit der er so unvermittelt konfrontiert wurde. So staunt er über die weit fortgeschrittene Digitalisierung des Alltags, in dem zum Beispiel Roboter überwachen, ob man per App die Parkgebühr gezahlt hat. „Das Leben hier ist ziemlich Easy Going“, sagt er. Die Leute seien alle sehr zuvorkommend und lässig. Aber natürlich ist vieles anders. Das beginnt schon mit seinem Alltag als Profi.



Trainiert wird bei dem Arbeiterclub nur einmal am Tag – und das spätabends, um 20 Uhr. „Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen“, berichtet Langhans. Erwartet werde auch, dass man rund 45 Minuten vorher da sei, um sich angemessen aufzuwärmen. Vormittags streut er freiwillig noch ein Krafttraining ein, auch das erst etwas später, weil er erst spät in den Schlaf komme. „Alles, was hier passiert, ist viel später.“ Im Training und im Spiel wird Hebräisch gesprochen. Ein Kollege, der in den USA studierte, übersetzt die Anweisungen des Trainers, der aus der Ukraine stammt. „Das klappt schon ganz gut.“ Ein großer Vorteil bestehe darin, dass die Entfernungen zu den Auswärtsspielen in der 12er-Liga, in der Ex-Bundesligaprofi Rastko Sliškovic (Rishon Le Zion) der prominenteste Profi ist, recht überschaubar seien. „Alle Clubs sind hier bei uns in der Ecke“, erzählt Langhans. „Das heißt, wir können direkt zum Spiel anreisen und müssen nicht, wie oft in der Bundesliga, vor dem Spiel im Hotel übernachten.“



Den Stress habe er in Deutschland zurückgelassen, sagt er. Zusammengefasst lasse sich seine Lage so beschreiben: „Ich habe ziemlich viel Freizeit.“ Die nutzt er nun, um seine Abschlussarbeit zu schreiben. Thema ist „die gesellschaftliche Dimension des Dopings“, sagt Langhans. Wenn er damit fertig sei, werde er Hebräisch lernen. Ashdod liegt nur rund 20 Kilometer entfernt vom Gaza-Streifen, wo die Nahost-Konflikte regelmäßig eskalieren. „Aber davon bekommt man hier im Alltag eigentlich nichts mit“, sagt Langhans. Das Militär freilich sei präsenter als in Deutschland, zumal in Israel der Wehrdienst verbindlich sei. „Dass hier Soldaten mit einer geschulterten Maschinenpistole durch die Straßen laufen, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen“, sagt der Handballprofi.



Stärkeren Einfluss auf den Alltag hat die Religion. Während des Jom Kippur-Festes im September etwa, erzählt Langhans, ruhe das Leben ab 15 Uhr. „Dann wird kein Strom genutzt, kein Handy und auch kein Auto, dann steht hier alles still. Das ist schon schräg, wenn plötzlich gar kein Auto mehr fährt.“ Deshalb haben die Handballer, ausnahmsweise, das Training in dieser Zeit schon am späten Vormittag absolviert.



Nach Stress und Überbelastung hören sich die Berichte jedenfalls nicht an. Kann er sich vorstellen, seinen Einjahresvertrag im Mai zu verlängern? „Bis jetzt gefällt es mir gut“, antwortet Langhans.



„Ich war ja lange verletzt, mal schauen, wie es im nächsten Frühjahr aussieht.“ Warum auch vorzeitig festlegen? Die Wege des Herrn sind schließlich unergründlich




Dieser Artikel stammt aus der HANDBALL inside AUSGABE 5/2018. Autor: Erik Eggers

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Quelle: PM HANDBALL Inside



  

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